“Erotikon” reviewed by 78s

Erotikon
Der Portugiese Jorge Mantas ist ein wahrlicher Laptop-Poet. Anstatt mit Worten sind seine Verse mit elegischen Drones geschrieben – und die sagen mehr als so mancher Klassiker.

Inspirieren lässt sich Mantas von Literatur, Malerei und Aktfotografie. Unter dem Pseudonym The Beautiful Schizophonic wurde vor sechs Jahren anstelle von Feder, Pinsel und Linse der Laptop zum Ventil der eigenen Leidenschaften.

Schizophonie bezeichnet die Abspaltung eines Klangs von seinem ursprünglichen Kontext. Was früher einzigartig und nur innerhalb des originalen Kontextes zu hören war, ist inzwischen der Aufnahme und elektroakustischen Reproduktion ausgesetzt. Einerseits löst der im pittoresken Évora aufgewachsene Klangdesigner mit Field Recordings Töne aus der (Um)Welt und lässt diese nach seinem Gusto zu einer neuen verschmelzen. Andererseits werden im einzelnen Track Gefühle und Visionen auf Festplatte gespeichert, die sich im Herzen nie wieder im Original abrufen lassen.
Der beliebig wiederholbare Hörgenuss belebt aber Erinnerungen und erweckt immer wieder ähnliche und neue Empfindungen. Was der Gesellschaftstheoretiker Walter Benjamin im Hinblick auf den Kultwert des Kunstwerks noch als Aura-Verlust empfunden hätte, wird für Mantas im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit zum kostbaren Gut.

“I dream you are a song” – Langsam changierender Äther wird zum traumhaften Bild einer zärtlich die Seele streichelnden Geliebten, sanfte Drones werden zum Pendant einer (erotischen) Beziehung: Je mehr man sich darauf einlässt, desto tiefer, intensiver und erfüllender wirken sie. Aber in der schnelllebigen Gegenwart reicht den Meisten halt auch ein oberflächlicher, unverbindlicher Pop(p)-Quickie.

Nach dem an Marcel Prousts Überwerk ”Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” angelehnten “Musicamorosa” (2007) lässt Mantas auf seiner persönlichen Suche nach dem sentimentalen Kern der Musik auch ins neuste musikalische Gedichtband “Erotikon” ne Menge Emotion einfliessen. Organisch ineinandergewobene Drones erzählen Feinfühligeres als manch lyrischer Klassiker. Sie erzählen keine fremden Geschichten, sondern erwecken im Hörer eigene – auch wenn diese meist imaginär bleiben.

Alles verliert sich also wieder in der nicht reproduzierbaren Flüchtigkeit des Moments, festgehalten nur in ”a field recording of a dream” – einem leise nachklingenden Tagtraum, der sich mit jedem Hördurchgang wandelt und aktualisiert. Jedenfalls sei The Beautiful Schizophonic “romantic drone music for modern lovers” – ahem, “…loners”. Ups, Freudscher Verleser? Auch gut.

Beim Electronica-Label Crónica kann man Mantas’ verkannte Meisterwerke erstehen und vier längere ‘Dronements’ (Cronicaster 048, 027, 024, 010) kostenlos runterladen. Als Hörexempel und Video gibt’s eine (etwas voyeuristische) Ode an die bessere Hälfte der Menschheit. Marco Durrer

via 78s

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