“Ab OVO” reviewed by African Paper

Ab OVO
Wenn in Anlehnung an den Psychoanalytiker Otto Rank vom Trauma der Geburt die Rede ist, versteht man darunter das Gefühl des Herausgestoßenseins aus einem überschaubaren, vertrauten Raum und einem als konstant erlebten Zeitgefüge und den gleichzeitigen Eintritt in eine ungeordnete, diskontinuierliche Welt, in der die Grenzen und Strukturen des Selbst ständigen Verunsicherungen ausgesetzt sind. Bereits bekanntere Fachkollegen wie Freud und Lacan haben in einer Bildsprache, die nicht immer dazu taugt, das Interesse von Laien zu wecken, nachgezeichnet, wie das Kind erst nach mehr als einem Jahr so etwas wie ein Ich-Gefühl erlangt, indem es eine neue, weniger regressiv anmutende Ordnung seiner selbst und seiner Umwelt imaginiert und verinnerlicht.

Das Stück „OVO“, das letztes Jahr im Teatro de Marionetas im portugiesischen Porto aufgeführt wurde, referiert zwar nicht direkt auf diese Theorien, legt aber solche Assoziationen schon durch den Titel (dt. „Ei“) im Zusammenwirken mit der Darstellung schockhaft hereinbrechender Strukturlosigkeit nahe. In den lyrischen Textfragmenten, die die Aufführung mit ihren gespenstischen, kahlköpfigen Holzpuppen begleiten, ist vom Fall die Rede, vom Öffnen des Schädels und einer fremdartigen Zeiterfahrung. Eine Ahnung von Vergangenheit und Zukunft entsteht, und bleibt doch vage und nebulös, während sich aus den Fragmenten des Subjekts vier Figuren herausbilden, die Akteure des Dramas.

Ein wesentlicher Bestandteil der Auführung war die von Miguel Carvalhais und Pedro Tudela komponierte Musik, die passagenweise so dominant wurde, dass man sich für eine Verselbständigung als reines Hörerlebnis entschied. Das so unter dem Projektnamen @c entstandene Album „Ab OVO“ ist jedoch mehr als ein Mitschnitt, sondern eine komplett neu arrangierte Fassung einiger zentraler Passagen des Soundtracks, dessen etwas willkürlich anmutende Nummerierung der Stücke vom 98 bis 103 den ausschnitthaften Charakter der Musik offenlegt.

Ausgehend von kaum noch definierbaren Quellen wurde hier ein Soundkosmos erzeugt, der in seiner Dichte und Fülle nie konstant bleibt und von myteriösem Brodeln und Blubbern ebenso durchzogen ist wie von technoiden Versatzstücken und dem Hagel kleinteiligen Klangschutts. Bei all dem lohnt es durchaus, die Musik auf einer guten Anlage zu hören, denn der räumliche Aspekt ist hier keineswegs Beiwerk. In den weniger abstrakten Momenten kommen Stimme und herkömmliche Instrumente zum Einsatz: die geheimnisvolle Melodie eines entfernten Klaviers, erdiges Saitenspiel, perkussives Rasseln. So sehr all dies auch außerhalb eines Theaters funktioniert, verlangt die Raumorientiertheit der Aufnahmen doch regelrecht nach mehr als einem bloß auditiven Kontext – mit guten Kopfhörern und wenig Ablenkung lässt dieser sich einigermaßen gut imaginieren. (U.S.)

via African Paper

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