“Gamelan Descending a Staircase” reviewed by Taz

Gamelan Descending a Staircase
Ob so etwas im Berliner Schloss auch noch möglich sein wird? Der litauische Klangkünstler Arturas Bumšteinas hat für sein Album „Gamelan Descending a Staircase“ im Jahr 2013 die Archive des Ethnologischen Museums Dahlem nutzen dürfen, um auf Perkussionsinstrumenten des traditionellen indonesischen Gamelan-Orchesters das Material für sein Titelstück, eine fünfzigminütige Großkomposition, einzuspielen.

Als Inspiration diente ihm das skandalträchtige Bild „Nude Descending a Staircase, No. 2“ von Marcel Duchamp. Bumšteinas übertrug die dynamisch geschwungenen Linien von Duchamp in klingende Mikrostrukturen, die von fern an traditionelle Gamelanmusik erinnern mögen, da die Gesamtbewegung seiner Komposition ähnlich ruhig fließend voranschreitet. In ihren Details jedoch erscheint das Resultat bei ihm um einiges zerpflückter.

Die Instrumente wurden von Bumšteinas nach der ursprünglichen Aufnahme noch einmal kräftig elektronisch durcheinandergewirbelt, sodass die Klangfarben zwar überwiegend erhalten geblieben sind, hier und da jedoch leicht verfremdet klingen und insbesondere rhythmisch mitunter in unterschwellig nervöse Flimmerstadien abdriften. Um Bumšteinas’ Idee aufgreifen: So klingt wohl ein Gamelan-Orchester, das die Treppe hinunterfällt. Wer dazu in Trance fällt, muss einigermaßen hart im Nehmen sein.

Ebenfalls von visueller Kunst beeinflusst – audiovisueller, genauer gesagt – ist „Ou“, das jüngste Album der in Berlin lebenden kolumbianischen Musikerin Lucrecia Dalt. Die deutschen Filmemacher Heike Sander und Werner Schroeter insbesondere haben sie zu diesen abstrakten Filmmusiken angeregt, und zwar ganz wörtlich: Filme von Sander und Schroeter liefen während der Aufnahmen zu den einzelnen Stücken. Hier und da verwendet Dalt sogar Samples mit der Original-Filmmusik oder Dialogfetzen, die sie gründlich elektronisch durchgeknetet hat.

Auf „Ou“ fügt Dalt ihr Material zu fragilen Strukturen, die rhythmische Formationen ausbilden oder von allem Beat befreit vor sich hin flirren. Hier gibt es keine Songs mehr wie auf den Album „Syzygy“, Dalt horcht vielmehr ausgiebig in den Klang. Und entfaltet einen Sog, zu dem man Bilder sehen oder hypnotisiert werden mag. Oder dem man sich einfach überlässt. Tim Caspar Boehme

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