“Geography” reviewed by Bad Alchemy

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VITOR JOAQUIM Geography (Crónica 117~2016): Waren “Flow” (2006) und “Filament” (2011) vom Blick auf die eigene Gefühlswelt bestimmt und einer egozentrischen Verfasstheit von Raum und Zeit und damit von der quasi vertikalen Verortung im Großen und Ganzen, ist Joaquims Perspektive nun horizontaler. Sein Bemühen, die Lage zu erkennen – Brenns großes Motto – ist spezifisch angeregt durch Jared Diamonds in “Guns, Germs and Steel” (dt. “Arm und “Reich” – Die Schicksale menschlicher Gesellschaften”) expliziertem geographischen Determinismus. Entwicklungen hängen demnach nicht von Genen oder Rassen ab, sondern von den Rahmenbedingungen: von Breitengraden, Klimazonen, Flora, Fauna und nicht zuletzt Keimen und den dagegen entwickelten Resistenzen. Das ‘Wo’ bestimmt das ‘So’. Die Wechselwirkung zwischen Umständen und Imagination führt zu technologischen Lösungen wie Stahl und Kanonen. Zuerst verhackstückt Joaquim Funkverkehr der Gemini 8 und richtet damit, zu flirrendem und pulsierendem Gitarrenklang, ein Fernerkundungsauge auf die Erde, so wie das Cover mit der “Mappa Selenographica” von Beer & Mädler den Blick auf den Mond richtet. Er tippt mit dem Stichwort ‘Cantino’ die Weltkarte an, die Alberto Cantino 1502 als Agent des Herzogs von Ferrara aus Portugal nach Italien schmuggelte, mit ‘Ganda’ weist er nach Angola, bis 1775 portugiesische Kolonie, mit ‘Cargo’ auf den Kult um ‘wundersames’ Frachtgut, mit ‘Technography’ auf die Interaktion zwischen Apparaten und Menschen. Stottrige, tickernde, sausende, knarrrig furzelnde und pixelnde Spuren oder klingelnde Pulsarsignale bilden verhuschte Muster. Joaquim kannibalisiert sich selber, in ‘Technography’ mischt er Vocodergesang, in den ‘Cargo’-Loop zu zischelnden und rieselnden Geräuschen noch Phantompfeifer und -bläser. Der vinyl-prickelige und dröhnende Philip Jeck-Verschnitt ‘Exodus’, der Singsang mit sich führt, spricht für sich selbst. ‘Domo Arigato’ heißt Danke auf Japanisch (und ein Album von Durutti Column), der klapprig kreisende Flow ist mit Samples von Geige (Carlos Zingaro), Posaune (Günter Heinz), Piano (Simon Fisher Turner), Waldhorn (Harald Sack Ziegler), Percussion, Cello, Music Box etc. orchestriert. Zuletzt häckselt Joaquim in ‘8’20”’ noch die Stimme von Laurie Anderson, nicht individuell kenntlich, sondern als kollektivierte Zutat.

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